Social Media verbieten? Verboten!
Die Diskussion um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche nimmt gerade, national wie international, ordentlich Fahrt auf. Am 14. Oktober hat die Bundesregierung entsprechende Eckpunkte für Deutschland beschlossen. Unter 13-Jährige sollen soziale Netzwerke künftig grundsätzlich nicht mehr nutzen dürfen, für Jugendliche bis 18 Jahre sind abgestufte Einschränkungen vorgesehen. Noch ist das kein geltendes Verbot, aber die politische Richtung ist klar.
Auch die Türkei, Griechenland, Norwegen, Australien und weitere setzen sich bereits aktiv mit ähnlichen und abweichenden Beschlüssen und Planungen auseinander. Die EU hat für den Binnenmarkt etwas vorgeschlagen und wir diskutieren.
Und genau in diese Diskussion passt das neue Buch von Dirk von Gehlen: „Social Media verbieten? Verboten!“. Ein Titel, der ein wenig provoziert. Und das soll er auch.
Von Gehlen beschäftigt sich mit der Frage, die mir in der Diskussion viel zu oft zu kurz kommt: Was wollen wir mit einem Verbot eigentlich erreichen? Natürlich geht es um den Schutz von Kindern und Jugendlichen. Über die Risiken sozialer Netzwerke müssen wir nicht diskutieren, die sind vorhanden. Aber lösen wir diese Probleme tatsächlich, indem wir jungen Menschen den Zugang verbieten?
Ich habe da meine Zweifel. Und Dirk von Gehlen auch.
Machen wir uns nichts vor: Die Mechanismen, mit denen TikTok, Instagram und Co. unsere Aufmerksamkeit möglichst lange binden wollen, entstehen nicht zufällig. Dahinter stehen wirtschaftliche Interessen, Algorithmen und Geschäftsmodelle. Warum also zuerst bei den Nutzenden ansetzen, hier einen Umgang verbieten und nicht konsequenter bei den Unternehmen Änderungen einfordern, die diese Angebote gestalten?
Von Gehlen vergleicht Social Media unter anderem mit Zuckerwatte. Kann man mögen, darf man genießen, sollte aber nicht die Grundlage der täglichen Ernährung sein. Ein passendes und verständliches Bild. Es geht also um einen bewussteren Umgang, um Medienkompetenz und darum, die digitale Welt nicht einfach einigen wenigen Konzernen zu überlassen. Da spricht er mir aus der Seele.
Gerade in Bezug auf die Medienkompetenz. In meinem Arbeitsalltag ist es an der Tagesordnung, dass viele Menschen die Mechanismen sozialer Netzwerke nicht wirklich verstehen. Und damit meine ich ausdrücklich nicht nur Jugendliche. Auch Erwachsene tun sich schwer damit, Inhalte einzuordnen, Algorithmen zu verstehen oder die eigene Nutzung kritisch zu hinterfragen. Das wird durch ein Mindestalter nicht besser.
Trotzdem halte ich nicht jede Einschränkung für grundlegend falsch oder nicht zumindest zu diskutieren. Kinder benötigen Schutz, und altersgerechte Grenzen können natürlich sinnvoll sein. Aber sie müssen funktionieren, verhältnismäßig sein und dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir noch ganz andere Aufgaben haben. Die Bundesregierung will unter anderem die Altersverifikation ausbauen und es an derzeitige technische Lösungen binden, die so aktuell nicht flächendeckend funktionieren. Gleichzeitig sollen auf europäischer Ebene suchtfördernde Funktionen stärker reguliert werden. Dass Deutschland hier etwas überhastet mit einer Nebelkerze vorprescht, ist leider nicht sehr glücklich.
Im Übrigen halte ich den Ansatz der Regulation suchtfördernder Funktionen für zwingend notwendig. Denn dort können wir unmittelbar an den Ursachen problematischer Nutzung arbeiten.
Mir gefällt von Gehlens Buch. Es bleibt nicht beim üblichen Pro und Contra stehen, sondern beschäftigt sich damit, wie eine bessere digitale Welt aussehen könnte. Eine, an der junge Menschen teilhaben können, ohne den Geschäftsinteressen der Plattformbetreiber weitgehend ausgeliefert zu sein. Ergänzt um Interviews, einer Einladung mit Fragen und Antworten selbst Gesprächseinstiege zu finden. Ob Kind oder Erwachsener. Richtig gut.
Weiterer Bonuspunkt: Es ist die passende Form für ein Plädoyer dieser Art. Nicht ein einziger Screenshot im Buch. Der Fokus liegt völlig auf dem Text. So kann das Buch, die Ideen darin und die Botschaft jeweils ohne Ablenkung wirken.
Ich empfehle das Buch ausdrücklich. Eltern, Lehrkräften, politisch Verantwortlichen und allen, die sich mit digitaler Kommunikation beschäftigen. Besonders aber denjenigen, die gerade lautstark nach einem Verbot rufen. Nicht, weil von Gehlen auf alles eine abschließende Antwort liefert, sondern weil er die richtigen Fragen stellt. Und die sollten wir beantworten, bevor wir glauben, mit einem Verbot wäre die Sache erledigt.
Informationen zum Buch & Autor
Dirk von Gehlen: „Social Media verbieten? Verboten!
Ein Plädoyer für digitale Demokratie und Medienkompetenz“
Rheinwerk Verlag, 2026, 216 Seiten, ISBN 978-3-367-11763-5.
Zum Buch beim Rheinwerkverlag: https://www.rheinwerk-verlag.de/social-media-verbieten-verboten-ein-plaedoyer-fuer-digitale-demokratie-und-medienkompetenz/
Zu Dirk von Gehlen: https://www.dirkvongehlen.de/
Transparenzhinweis
Das Buch wurde mir vom Rheinwerk Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Eine Verpflichtung zur Veröffentlichung oder zu einer positiven Bewertung war damit nicht verbunden. Meine Meinung zum Buch ist davon unabhängig und entspricht meiner persönlichen Einschätzung.

